Liebes Kind,

Juli 17, 2010

ich schreibe gerade einen Abschiedsbrief an Dich. Ich erzähle dir darin, was du alles im Kindergarten erlebt hast, wofür du dich sehr interessiert hast, worüber du gelacht hast, wer deine besten Freunde sind, ob du gern singst oder lieber raufst und dass du gelernt hast, wie Meerschweinchen sich ernähren. Dazu schenken wir dir 100 Fotos, auf denen du dich selber sehen kannst, vollgematscht, oder hochkonzentriert, mit den Armen in der Farbe oder mit großen Augen vor einem Bild, das du betrachtetst, verkleidet als Astronaut, beim Sprung von einem Klettergerüst, bepackt für eine Wanderung im Wald oder unter Wasser in unserem Babypool. Das soll eine Erinnerung für Dich sein an eine unbeschwerte und erfüllte Zeit im Kinderhaus. Wenn du dich später im Leben einmal fragst, ob du schon immer ein Haudegen warst, oder ob du schon immer gern gesungen hast: lies den Brief noch einmal. Es ist ein großer Schatz etwas darüber zu wissen, wie man eigentlich als Kind war, welche Träume man hatte und  wieviel Spaß man mit seinen Kumpels hatte.

Aber mir brennt noch etwas auf der Seele. Etwas, das ich dir nicht schreiben kann in deinen Abschiedsbrief, weil es dich schwer und sorgenvoll machen würde und weil meine Ängste dich beeinträchtigen würden. Aber es muss gesagt werden.

Das ist es, was ich dir eigentlich noch sagen will:

Deine Schonzeit ist jetzt mit  dem Ende der Kindergartenzeit  vorbei. Für viele deine Altersgenossen war die schöne Zeit schon lange vorher vorbei und der Kindergarten war bereits der bittere Ernst. Es geht nämlich nicht darum, dass du deinen eigenen Weg gehst, dass dein Ziel ein erfülltes und glückliches Leben ist, sondern dass du den Anforderungen der Menschen um dich genügst. Du weißt es noch nicht, aber du spürst es schon: du genügst nicht, du genügst nie. Du bist nämlich Humankapital und Kapital muss sich vermehren, das ist sein einziger Daseinszweck. Und einen Mehrwert musst du aus dir selbst heraus erzeugen, darum wird in deine Bildung viel Geld investiert. Es kann nämlich nicht sein, dass ein Hoffnungsträger einer ganzen Familie, Stadt, Gesellschaft ( Zukunft!!)  nutzlos ist, sich nur selbst genügt und seine Ruhe haben will, um vielleicht die Gesellschaft von der Seite zu beobachten, verliebte Bilder zu malen oder sich philosophische Gedanken zu machen..  Das ist nicht produktiv, nicht ökonomisch und nicht marktfähig. Wenn heute ein Kind zum Instrumentalunterricht angemeldet wird, dann mit dem Hintergedanken: es ist zwar teuer, aber später kann er/sie sich damit das Studium finanzieren und außerdem soll es gut sein für bessere Schulleistungen insgesamt. Eine gute Investition also. Diese Art Hintergedanken beherrschen Eltern und Großeltern, sind entscheidend bei allen Plänen, bei allen Bemühungen und bei jedem Entschluss. Und nicht die Liebe zur Musik. Die Notwendigkeit zur Investition ist es, die deine Eltern antreibt.

Als Kinder noch der Garant für ein erträgliches Alter der Eltern waren und  als eine Art Rentenversicherung gezeugt wurden, war die Last der Kinder kleiner: sie ruhte auf vielen Schultern. Heute sind es höchstens zwei Kinder, die “zukunftsfähig” gemacht werden müssen. Und es wird gemacht! Du wirst gemacht!

Auch deine Eltern, liebes Kind, sorgen sich in den Schlaf hinein: ob es wohl wirklich der beste Kindergarten ist? Ob es nicht längst Zeit ist, mit dem Tanzunterricht, English oder Tischtennis oder Klavierunterricht anzufangen. Ob man nicht längst mit dir beim Ergotherapeuten/Logopäden oder Lerntherapeuten sein müßte - zur Vorbeugung. Ob man nicht im falschen Stadtteil wohnt, weil so viele Kinder schlecht Deutsch sprechen. Ob man dich nicht noch eher einschulen sollte, damit du kein Jahr “verlierst”? Ob man dich nicht schon testen lassen sollte, damit man vor der Einschulung schon der Lehrerin einen Tip geben kann, wo deine Begabungen liegen. Und mit den Tests, die schon im Kindergarten stattfinden, wird auch dein Marktwert schon bestimmt.

Wie du siehst, mein Kind, gibt s noch immer etwas mehr, was man für dich tun kann, damit du super funktionierst  in dem Job  -jetzt und in der Zukunft, die kein Scheitern nirgendwo beflecken darf. Und ich glaube, dass du das schon gemerkt hast. Du kannst schon jetzt scheitern: in deinem “Job ” als Kind, als Schüler, als Tochter oder Sohn deiner ehrgeizigen und ängstlichen Eltern. Deine “Defizite” werden gefunden!

Viele Eltern haben durchaus eine große Liebe für ihre Kinder. Und weil auch sie spüren, wie traurig das Ganze ist, sehen manche Eltern  in Euch Kindern bedauernswerte Geschöpfe und verwöhnen euch nach allen Regeln der schlechten Kunst. Daraus resultiert dann ein sehr schlechtes Benehmen und heillose Verunsicherung bei Euch Kindern. Dieses schlechte Benehmen ist dann auch noch in den Augen eurer Eltern toll, weil sie glauben, eure Frechheiten wären Ausdruck von Mut  und Durchsetzungsvermögen. Sie sehen eure Verunsicherung und Orientierungslosigkeit nicht und verzweifeln mit Euch, wenn ihr selbst  dem normalen Leben in einer Gemeinschaft nicht nachkommen könnt.

So werdet ihr Kinder auf doppelte Weise betrogen: man versagt euch eine gute Erziehung und erhöht gleichzeitig den Leistungs- und Zukunftsdruck. Das ist eine Falle, aus der kommt ihr  nicht heraus.

Hör zu, Kleiner, du bist nicht der Akteur deiner Entwicklung. Das sind alles nur Lippenbekenntnisse, derer, die an dir ziehen und schieben. Und wenn du nicht in die vorgesehene Richtung gezogen werden willst, hast du ein Defizit und wirst aussortiert und zugeordnet. Schwupps bist du in einer Förderggruppe, schon mit drei jahren. Da wird an der Vermittlung von Kompetenzen gearbeitet, auch deiner “sozialen Kompetenzen” und vor allem an deinen “Basiskompetenzen”. Da staunst du, wie schnell der Spaß zu Ende ist. Du wirst dich nicht an dir selbst erfreuen könne, dich stark und mächtig fühlen und das Leben mit Schwung und revolutionäem Geist  erobern. Du brauchst dir später in der Pubertät nicht die Hörner abstoßen: man hat sie früh amputiert.

Und da man als kleines Kind noch nicht benennen kann, wer man ist und wie man ist, wird einem das auch noch ganz schnell beigebracht: falsch, irgendwie falsch. Denn wozu sollen Tests und Screenings und Diagnosen denn sonst da sein: Beweise erbringen dafür, dass du falsch bist. Und dass etwas getan werden muss. Du musst behandelt werden. Gefördert und gefordert, man muss systematisch auf dich einwirken.

Dann nimmt man dir das Wichtigste überhaupt: die Zeit. Es wird nämlich sofort etwas mit dir getan, wenn du just mal laufen kannst: die Blicke der Eltern ziehen  schon an dir, die Blicke der Pädagogen, der anderen Eltern. Das Ergebnis ist immer dasselbe: du kannst dieses oder jenes nicht so schnell wie das andere Kinder oder eine “vergleichbare Kontrollgruppe”. Dann wirst du beschleunigt. Die Zeitfenster schließen sich, sagt man den Eltern und dann wird es höchste Zeit, deine Entwicklung voranzutreiben. Deine Kindheit wird atemlos schnell.

Ein Mädchen im Kindergarten bekommt von den Erzieherinnen “testiert”, das sie in allen Punkten der “Checkliste” volle Punktzahl hat. Aber im sozialen Bereich! Da muss sie aber noch gefördert werden, sagt man den Eltern mit Nachdruck. Es stellt sich heraus: alle Kinder in ihrem Alter sind wilde Jungs  (die sie nicht mag), ältere Kinder sind nicht da. In der Nachbarschaft spielt sie ganze Nachmittage mit den anderenMädchen- egal ob jünger oder älter.

Meine liebes Kind, wir können dir nicht helfen. Wir können dir kleine begrenzte Reservate für Kindheit zur Verfügung stellen, in denen Ruhe und Gelassenheit, Heiterkeit und Johannisbeersträuche sind. Sträucher, an denen rote, weiße  oder schwarze Johannisbeeren wachsen, sind mittlerweile ein Politikum. Eltern, Professoren und Politiker sagen, man ließe das ungeheure Kapital ungenutzt, dass da in den Kindergärten rumgammelt. Die Rede ist von gigantischem Potential und es werden Rechnungen  aufgemacht, nach denen du auf Heller und Cent sehen kannst, wieviel du wert bist jetzt und in der Zukunft. Dein Marktwert ist vollständig berechnet- einschließlich der Kosten, die du verursachen würdest, wenn du mal  arbeitslos oder kriminell werden solltest. Da wird präventiv investiert!

Was kann ich dir also raten? Was soll ich dir mitgeben an guten Worten?  Ich kenne dich seit deiner Geburt und habe dich im Kindergarten viele Jahre spielen  und lachen sehen. Ich habe dich in den Arm genommen und getröstet, wenn du vom Baum gefallen oder deine beste Freundin dich nicht zum Geburtstag einladen wollte. Ich mag dich sehr und ich wünsche dir von Herzen, dass es dir gut geht. Das ist so, wenn man jemanden mag. Man wünscht ihm nur Gutes.

Ich wünsche dir Mut. Mut ist die Kraft, sich über Ängste, die jeder  hat, hinweg zu setzen und das zu tun, was man selbst für richtig hält. Und das zu tun, auch wenn alle anderen Menschen sagen, dass es falsch ist. Ich wünsche dir diesen Mut, weil auch wir Erwachsene, die für dich jetzt verantwortlich sind als Eltern, Erzieherinnen und Lehrer, diesen Mut brauchen, um dem Wahnsinn um das Humankapital etwas entgegen zu setzen.

P.S. Wenn das ureigenste Interesse einer menschlichen Gemeinschaft, nämlich seinem Nachwuchs alles zu vermitteln, was Menschen über Generationen gelernt haben um zu überleben, den rein profitorientierten Interessen von weltweiten Konzernen unterworfen wird, dann wird die Gemeinschaft entmenschlicht.

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Teile und bilde

Januar 31, 2010

Für unsere Kindertagesstätte ergibt sich folgende Rechnung:

Vor 16 Jahren hatten wir neben vier Fachkräften für  vierzig Kinder von 3 bis 14 Jahren (Kinder mit und ohne Behinderung) eine freigestellte Leiterin, eine zusätzliche Fachkraft für Integration, eine zusätzliche Fachkraft wegen überlanger Öffnungszeiten (45 Stunden wöchentlich),  zwei bezahlte Anerkennunsgpraktikantinnen und eine halbe  Stelle für eine Haushälterin/Köchin, die  jeden Tag für vierzig Kinder und alle Erwachsenen im Haus die drei Mahlzeiten zubereitet hat, eingekauft hat und Bestellungen fertig gemacht hat.

Heute haben wir  viel kleinere Kinder, nämlich vierzig Kinder von 2 bis 6 Jahre und erheblich weniger Personal: vier Fachkräfte, eine Leitung, die halbtags im Gruppendienst ist, eine Anerkennungspraktikantin, die umsonst arbeitet, und eine zusätzliche Fachkraft für Integration. Haushälterin/Köchin gibt es nicht mehr. Es wird vom Caterer geliefert und alle Randarbeiten und Einkäufe werden zusätzlich vom Personal gemacht. Die Öffnungszeiten sind immer noch 45 Stunden  und die Kinder brauchen viel mehr Fürsorge, Pflege und stärker ausdifferenzierte Herausforderungen aufgrund der neuen Altersstruktur. Mit Eltern kleinerer Kinder müssen wir viel enger zusammenarbeiten und die neue Form der öffentlichen Zuwendungen (Kopfpauschalen) erfordert viel unternehmerische Tätigkeiten (Planen, Budgetierungen, Kakulationen, Spendenaktionen, Förderverein, Verhandlungen mit Ämtern, Anträge formulieren …)

Unterm Strich:

viel mehr Arbeit mit den Kindern,

viel mehr Aufwand, um den finanziellen Rahmen Jahr für Jahr sicherzustellen,

mehr Arbeit mit den Eltern,

mehr Küchen- und Pflegearbeiten,

mehr Konferenzen, Papier, Bestimmungen, Richtlinien, Vorschriften, Unsicherheit.

Wir erleben diese Kürzungen von fast 80 Stunden  weniger in der Woche  und deren Auswirkungen als eine Zumutung, weil sie uns die Möglichkeit nimmt, sich intensiv den Kindern zuzuwenden. Verbunden damit, dass wir seit drei Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen haben, (sonst wären wir insolvent oder wir hätten noch mehr Stundenkürzungen hinnehmen müssen) ist die Möglichkeit, voller Freude und Energie auf die Kinder zugehen, etwas eingeschränkt- gelinde ausgedrückt. Hinzu kommen existentielle Sorgen vor allen bei den älteren Mitarbeiterinnen, die  schon davon gehört haben, dass Kindergärten insolvent gehen und dass eine ältere Fachkraft woanders entweder mit erheblichen finanziellen Einbußen befristet arbeiten kann oder neuerdings als Zeitarbeiterin mit noch weniger Geld die schlimmste Arbeit von allen machen kann: Aushilfe in ständig wechselnden Kindergärten.

Das ist in doppelter Weise “unternehmerisch “Schwachsinn. Denn das eigentliche Kapital eines Kindergartens ist die Erfahrung  und Entwicklungsfähigkeit der  Erzieherinnen  und ihre Teamarbeit. Keine Leiterin, kein Träger, keine Eltern können gegen den Widerstand eines unerfahrenen und zerstrittenes Teams irgendwelche, noch so gut gemeinte Neuerungen  und Entwicklungsprozesse  in Gang setzen. Und  die “Effektivität” der Arbeit misst sich an nichts anderem als daran, wie gut Beziehungen mit Kindern gelingen. Nur darüber lernen Kinder das, was wir insgeheim alle von ihnen wollen: Kooperation, Friedlichkeit, Motivation, Kommunikation.

Ein anderes Wort für gelungene Beziehungen war mal Liebe und Freundschaft. Unterlegen sie diese Worte mal mit unternehmerischem Vokabular: ” Wir machen im Kindergarten das Humankapital nutzbar, indem wir qualifizierte  Interaktionen produzieren, die  automatisch eine effektive Input-Output-Relation nach sich ziehen und die angestrebte Erfolgsmaximierung von 50 Prozent  pro Jahrgang  garantieren.” Die  (Bildungs-)Aktien der Kindergärten sind gestiegen. Die (Eltern-)Aktionäre fordern ihre Dividende, die die Bildungspolitiker ihnen versprochen haben. Allein- geliefert wird irgendwie nicht. Aber Bertelsmann sei Dank: es wird eine Studie geben, die herausfindet, woran es liegt. Denn “brach liegendes” Humankapital kann Deutschland sich als permanent gefährdeter Standort  nicht erlauben. Das klingt nach Schrottplatz und nicht nach Zukunft.

Unternehmerisch gesprochen: Wer nicht klug investiert, kriegt keine Qualität. Wer billig und in Masse produziert, hat irgendwann ein großes Problem- wegen der Reklamationen. Und die heißen bei Kindern: Schulversager, Aussteiger, Kriminalität, Sucht etc. Das sind alles Reklamationen, die viel Geld kosten.

Klug investieren hat also etwas etwas mit Liebe und Freundschaft zu tun. Dazu braucht man: Zeit, Muße, Vertrauen, Wohlwollen, Gelassenheit, Heiterkeit, Phantasie, Ausdauer, Verlässlichkeit, Unbefangenheit, Autonomie und Mut. Da brauchen Sie doch keinen Unternehmensberater um sich vorzustellen, wie viele Erwachsene sich eigentlich um zwanzig kleine Kinder kümmern müssen, um das möglich zu machen. Oder glaubt irgendjemand ernsthaft, dass zwei Erzieherinnen sich 45 Stunden in der Woche um so viele Kinder kümmern können und dabei noch auf jedes Kind eingehen können. Haben Sie schon mal einen Kindergeburtstag bei sich zu Hause mit zwanzig Kindern  von 2 bis 6 Jahre  Alter gefeiert? Nur mal für drei Stunden? Und draußen regnet es?  Und einer hat Durchfall? Und einer weint immer und will zu seiner Mama? Und es soll aber ein ganz besonders schöner Tag für alle sein? Und Fernsehen gibt es nicht?

Gehindert an klugen Investitionen wie Liebe und Freundschft wird man übrigens durch Ignoranz, Missachtung, Zeitmangel, Ängste, Stress, Druck, Enge, Lärm, Repression und Entmutigung.

Dabei spielen auch die Anforderungen von außen eine große Rolle. Wenn der tägliche Kindergeburtstag nämlich nicht so schön war und die Kinder nicht begeistert nach Hause gehen- sondern überreizt, übellaunig und weinerlich und wieder nichts Gebasteltes vorweisen können, dann liegt das aus der Sicht der Eltern an der Erzieherin, nicht  an der tägliche  Mangelsituation für alle Beteiligten. Zu den äußeren Anforderungen gehört  natürlich auch die neue Bildungsoffensive  im Vorschulbreich ( Bildungsbereiche abdecken, Bildungsberichte schreiben, individuelle Förderpläne schreiben, Entwicklungsgespräche führen etc.) der Erzieherinnen zusätzlich massiv unter Druck setzt. Das ist ungefähr so, als müsse nach dem Kindergeburtstag bei ihnen zu Hause jedes Kind ein neues Lied singen können und alle 2- jährigen  müssen trocken geworden sein.

Interessanterweise  versteht aber auch noch jeder etwas anderes unter Bildung und sie sind als Erzieherin fast täglich damit konfrontiert. Unterhalten Sie sich mal mit der Mutter eines hochbegabten Kindes, einer Grundschulrektorin und einem Suchtberater über frühkindliche “Bildung”. Danach möchten Sie entweder keine Kinder mehr kriegen oder keine Erzieherin mehr sein. Oder ihr Kind sicherheitshalber in einen zertifizierten, privaten, teuren und wirklich schönen Kindergarten schicken.

Diese Verunsicherung ist gewollt und die Bildungsoffensive ist offiziell und (wissenschaftlich völlig unbegründet) ein Nebenprodukt von PISA. Diese Verunsicherung kann geschickt genutzt werden für die Vergewerblichung des Vorschulbereiches und unterbindet den Widerstand der Eltern gegen eine unselige und arme Bildungspolitik. Es wird den Eltern suggeriert, dass überall gespart werden muss und dass trotzdem in den Kindergärten qualifiziert gearbeitet wird. Wird es aber nicht- trotz allen Engagements der Erzieherinnen.

Es ist wie in den Schulen und Hochschulen: kaputtsparen und dann unternehmerische Strukturen einführen, Qualitätsmanagement einführen  und Zertifikate an die Wand hängen.

Kindergärten sind aber wie alle anderen “Bildungseinrichtungen”  unbedingt und in einer Demokratie zwingend im gesellschaftlichem  Auftrag,  mit öffentliche Geldern, mit öffentlicher Kontrolle, mit ihren Inhalten, Methoden und Zielen im öffentlichen Diskurs zu führen und nicht unter der Regie selbsternannter Bildungsexperten eines Konzerns. Öffentliche Gelder müssen entsprechend aufgeteilt werden. Und was liegt wohl näher (als eine milliardenschwere Geldspritze für Zockerbanken) als Teilen mit unseren Kindern. Für die Kleinsten vom Feinsten.

Fordern wir also: Biologische Vollwertkost für alle Kinder im Kindergarten, frisch zubereitet. Ein Betreuungsschlüssel von maximal drei Kindern unter 2 Jahre pro Erzieherin und für 2  bis sechsjährige maximal fünf Kinder pro Erzieherin. Akademische Ausbildung  mit großer Praxisnähe für Erzieherinnen. Angemessene Bezahlung für Erzieherinnen. Große, freundliche Häuser mit kleinen wohnlichen und übersichtlichen Einheiten für jede Gruppe  - in Wohngebieten. Therapeutische und integrationspädagogische Zusatzkräfte und Unterstützung von außen in sozialen Brennpunkten, zur Integration, bei allen Kindern mit erhöhtem Förderbedarf. Ganztagsbetreuung als Option für alle Kinder- beitragsfrei für Eltern. Gute materielle Ausstattung. Großes Gelände mit naturnaher Gestaltung. Qualifizierte Fortbildung für alle Erzieherinnen und Aufstiegschancen…

Natürlich kostet das viel Geld. Teilen und Bilden. Oder sparen und ausbluten lassen.

Wir können ja fifty- fifty machen mit den Banken. Das würde reichen. Und wir wollen einen Bonus für jedes Kind, dass einer Erzieherin morgens freudestrahlend  in die Arme läuft und abends sagt:” Eigentlich möchte ich gern hierbleiben.”

Wer Kindergärten als reine Dienstleistungsunternehmen sieht, muss sich nicht wundern, wenn Erzieherinnen sich genau so verhalten: nach vorne immer lächeln, umdrehen und schlecht über den Kunden reden. Nur: der eigentliche Kunde ist ein Kind. Ihr Kind. Wollen Sie das?

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Gescheiterter Haufen

Januar 17, 2010

In den Kindergärten wird derzeit viel gescheitert. Es macht wenig Sinn, sich eine Arbeit schön zu reden, deren wirkliche Indikatoren für Qualität laufen und sprechen können und die kund tun: “Ich will nicht in den Kindergarten. Da ist es mir zu laut und keiner spielt mit mir. Und langweilig ist es auch.”

Man scheitert an den Bildungsplänen, an den Anforderungen für die Herstellung von Schulfähigkeit, an den Erziehungsmethoden der Eltern, am Wetter, am akuten und chronischen Personalmangel, am Träger,  an der Armut der Familien, an der Ignoranz der Behörden, an der Sturheit von Kollegen, am Rückenleiden, an der Bürokratie, an räumlicher Enge, an den eigenen Ansprüchen, an der Lieblosigkeit und Ohnmacht vieler Eltern, an der Traurigkeit der Kinder, an ihrer Bedürftigkeit, an ihren Aggressionen.

Engagierte Zeitgenossen fragen uns Erzieherinnen  gern, was  man wirklich anders machen könnte, ohne auch Erziehung und Bildung Kinder den ökonomischen Zwängen zu unterwerfen, ohne das neoliberale Lied zu singen, nach der nichts ist ohne Effizienz geht, die angeblich immer gemessen werden kann- auch beim Lernen der kleinsten Kinder.  Sie fragen auch, ob denn “davor”, also vor den “Reformen” und “Bildungsplänen ” und “Sprachtests” alles besser war? Hat da nicht jeder Kindergarten vor sich hin gepröttelt? Hat nicht der Qualitätspapst Wolfgang Tietze schon früh gemeint, dass er festgestellt hätte, dass ein Drittel aller Kindergärten so schlecht sei, dass man sie schließen müsste, eine weiteres Drittel so lala wäre und nur ein Drittel gute Arbeit leistete? Danach kamen viele ältere Herren, die gemeint haben, dass sie etwas festgestellt haben und alle haben den selben Schluss gezogen: es muss etwas getan werden im Kindergarten.

Interessanterweise fand und findet  diese Entwicklung parallel zur Demontierung  unseres Sozialwesens statt. Da wurde  und wird auch zuerst alles schlecht geredet  (Renten, Krankenversicherung, Arbeitslosenhilfe), um dann völlig andere, profitorientierte  Systeme zu installieren. Da waren auch viele ältere, gut bezahlte  Herren und dazu noch sehr junge, fantastisch bezahlte Herren, die uns ständig vorgerechnet und eingeredet haben, dass wir die Risiken unserer Existenz ganz allein und aus eigener Tasche absichern müssen. Ein großes Risiko ist übrigens die Erziehung und Bildung unserer Kinder. Wenn aus ihnen nichts wird, leiden wir als Eltern sehr darunter. Wenn aus vielen Kinder nichts wird, leiden alle darunter.

Und es gibt noch eine Parallele: die Hochschulreform, der Prozess von Bologna.  Wie bei den Hochschulen wurde der chronische Geldmangel vieler Kindergärten nicht mehr benannt. Die “Reform ” sollte die Kindergärten stärken. Durch weitere Kürzungen, mehr Bürokratie, weniger Handlungsspielräume und einen Riesenberg mehr Arbeit. Das Ganze wird ständig evaluiert, zertifiziert und demnächst wahrscheinlich einem Rating unterworfen. Das haben die Hochschulen so ähnlich erlebt. Und wie im Hochschulbereich waren die  Verantwortlichen auch in den Verwaltungen und Kindergärten willfährig und blauäugig.

Ziele der “Reformen” waren dieselben: Geld sparen und Konkurrenz schaffen unter den Institutionen. Wähler aquirieren durch die hundertfachen Lippenbekenntnisse zur ” Bildung” und Schönreden aller Mängel und Missstände, Ausrichtung aller (!) Bildungsinstitutionen auf Effizienz im Sinne einer wirtschaftlichenVerwertbarkeit menschlicher Fähigkeiten, Bildung als Konsumgut zu etablieren und nicht als Selbstverständlichkeit in einer solidarischen Gemeinschaft, Einfluss industrienaher  Institutionen auf alle Bildungsbereiche sichern, Abschaffung der demokratisch legitimierten Entscheidungsgremien. Und das ist die Politik von Bertelsmann und Co. -siehe erster Eintrag dieses Blogs” Und dann kam Bertelsmann”.

Jetzt lacht aber die schwarze Seele, weil es nicht funktioniert.

Kinder funktionieren nämlich so nicht. Studenten und Schüler gehen auch  gerade auf die Straße. Weil sie älter sind als Vorschulkinder, brauchten sie etwas länger  für die Wahrnehmung, dass da etwas gar nicht gut läuft und dass sie protestieren müssen. Kinder machen das anders.

Sie werden unleidlich. Sie ziehen sich zurück. Oder sie werden sehr laut. Oder wütend und reizbar. Oder weinerlich.

Das kindliche Tun ist zweckfrei, aber nicht sinnlos. Und wenn Erwachsene kommen und ihnen begegnen mit dem Zweck, der immer mitgedacht wird, dann gibt es irgendwann auch Streik im Kopf der Kleinen. Alle Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass Kinder lebensnotwendig enge Beziehungen zu Erwachsenen brauchen. Fragen Sie vor allem die Bindungsforscher, weniger die Entwicklungspsychologen und Neurobiologen (obwohl die gerade auch angekommen sind bei diesem Stand der Dinge, Gerald Hüther z.B.) Wenn man diese Beziehungen missbraucht, indem man ihnen einen anderen Zweck unterwirft, der von Erwachsenen definiert und damit klein und beschränkt macht  wird, ist es so, als heirate man einen Menschen nur wegen seines Geldes und heuchelt ihm die große Liebe vor. Früher oder später geht eine solche Beziehung den Bach runter.

Stellen Sie sich vor, ihr Mann/ihre Frau kommt nach Hause und sagt ernsthaft zu Ihnen:” Ich möchte jetzt einen Treuetest mit dir machen. Der Test ist wissenschaftlich solide und nach dem Ergebnis werde ich mich entsprechend verhalten: dich verlassen oder dich weiterlieben. Wenn du dich weigerst, den Test zu machen, werte ich das als Schuldeingeständnis!”

Wie fühlt sich das an? Wie fühlt sich ein kleines Kind, wenn die Erzieherin kommt und sagt: ” So jetzt wollen wir mal gucken, ob du schon sprechen kannst……” Das passiert gerade in den Kindergärten in NRW, wo mal wieder mit einem sehr umstrittenen Test “Delphin” die Sprachentwicklung der Vierjährigen getestet wird. Kinder, die sich verweigern, gelten als durchgefallen und müssen zur zweiten Stufe in der Schule antreten und werden dort von einem  Lehrer getestet. Seit wann sprechen Vierjährige  unbefangen mit wildfremden Personen?

Mit diesem Verfahren brüstet sich die Regierung. Man habe verstärkt Sprache von Kindern gefördert, indem man sie zuerst getestet und dann in den Kindergärten gefördert habe. Fassen wir zusammen: zuerst nimmt man über Jahre den Kindergärten die Ressourcen (Personal, Geld, Räume) weg und redet  die Kitas schlecht. Dann bringt man derartige Verfahren (und davon gibt es viele) verpflichtend  in die Einrichtungen und verkauft das Ganze als einen Fortschritt bei dem Auftrag der Kitas, Bildung zu produzieren.

Unumstößlich ist aber die Tatsache, dass Kinder sprechen lernen, indem man mit ihnen- in einem kontinuierlichen herzlichen Kontakt - spricht. Die Marte -Meo -Methode zeigt auf eindrucksvolle, miniziöse Weise, wie eine entwicklungsfördernde Kommunikation aussieht und beweist letztendlich, dass eine solche Kommunikation sehr selten gelingen kann, wenn man zwanzig Kinder von 2 bis 6 Jahre den ganzen Tag mit maximal (!) zwei Erzieherinnen betreut.  Der personelle Standard bei den ganz kleinen Kindern ist noch schlechter und hat noch fatalere Auswirkungen. Denn die ganz kleinen Kinder brauchen noch mehr Zuwendung und noch mehr persönliche Ansprache. Erwachsene, die mit so viel Kindern in solcher Weise überfordert sind, reagieren nicht sehr unterschiedlich. Die meisten werden reizbar und abweisend, knapp in den Antworten. Einige Erzieherinnen lächeln sich bis zur völligen inneren Abwesenheit  und einige werden zum General. Nicht sehr sympathisch, oder?   Und nicht sehr förderlich.

Eine einzige Schlussfolgerung liegt da nahe: wir brauchen unbedingt kleinere Gruppen in der Kindergärten und gut ausgebildete, selbstbewusste Erzieherinnen, die sich sofort melden, wenn die Rahmenbedingungen nicht erlauben, dass sie gute Arbeit machen. Keine Sau wird fetter durch’ s Wiegen und kein Kind wird besser Sprache lernen dadurch, dass es getestet wurde. Die Gründe, warum Kinder sich sprachlich (und auch in anderen Bereichen) schlecht entwickeln, sind äußerst vielfältig und zwingen den Blick auf das gesamte Umfeld des Kindes inklusive seiner Biologie.

Das wirft eine Menge Fragen auf und hat etwas zu tun mit den Lebensbedingungen der Familien, mit der Integrationspolitik, mit der Schulpolitik, mit der  Kinderarmut und Städteplanung, dem Gesundheitssystem  usw. Kleines Beispiel gefällig: Privat Versicherte bekommen für ihre Kinder SOFORT Logopädie und Ergotherapie und andere Kinder eben nicht sofort oder nie.

Solche Fragen werden geschickt umgangen und kindliche Entwicklung reduziert auf die Frage: Kann es richtig sprechen? Dann wird es wohl in der Schule zurechtkommen. Wird es aber nicht, denn Kinder streiken- wie gesagt- schon sehr früh und später nennt man das: unmotiviert, unkooperativ, unsozial, auffällig, störend, mangelnde Basiskompetenzen.

Erzieherinnnen in den Kindergärten brauchen den Bildungsstreik nicht auszurufen, denn im Grunde erledigen das die Kinder für sie. Schlimm wird es, wenn sie nicht den Mut haben zuzugeben, dass sie scheitern und das gesamte neue Programm noch als Fortschritt verkaufen. Perfide ist es, wenn Erzieherinnen solche Maßnahmen wie den unsäglichen Delphintest benutzen, um sich gegen die Eltern zu richten. ( O-Ton: “Dann kapieren die endlich mal, dass sie ihr Kind von der Glotze wegnehmen müssen. Auf uns hören die ja nicht. Jetzt kriegen sie es schwarz auf weiß.”)

Wir Erzieherinnen müssen wohl in Zukunft Professionalität anders definieren. Wir kommen nicht mehr umhin, mehr Verantwortung zu übernehmen für das, was wir vor Ort mit den Kindern tun, denn unsere Fachberater, Vorgesetzten, unsere Politiker und leider auch einige  Wissenschaftler tun es nicht mehr. Wer Kinder als Lernmaschinen bezeichnet  und im Zusammenhang mit  liebevoller Kinderbetreuung und kindlichem Lernen das Wort “Effizienz” benutzt,  darf in unserer Kita DRAUSSEN BLEIBEN.

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Exkursion

September 23, 2009

Kommt Kinder, raus hier.

Zieht eure Schuhe an oder meinetwegen geht auch barfuß. Die Herbstsonne wärmt uns, wir haben keine Eile. Laßt uns rumstromern und sehen, was passiert. Vielleicht landen wir wieder am Bahnhof und winken solange den Zügen zu, bis die Lokführer uns zuwinken oder die Krönung: hupen. Dann seid ihr aufgeregt und setzt alles daran, einen  Güterzug zu erwischen, weil die hupen viel lauter. Wir können auch zum Friedhof gehen. An heißen Tagen konnte man sich unter die Bäume legen und die Vögel beobachten. Die Engel auf den Grabsteinen findet ihr seltsam. Ihr sucht immer den Ausgang und der Friedhof erscheint euch als ein einziges Labyrinth.

Einmal waren wir in der Stadt, als Geschäftsleute lang durch die Einkaufszone einen roten Teppich gelegt hatten. Ihr habt fasziniert darauf gelaufen und habt euch dann darauf gelegt. Da blieben sogar Passanten stehen. Die reiben sich auch die Augen, wenn ihr in der Innenstadt im Park in das Quellbecken steigt. Das Wasser ist eiskalt und ihr seid andächtig zuerst und vorsichtig und dann quietscht ihr vor Vergnügen. Ihr könnt die Zeit  und die Menschen anhalten, wenn man euch lässt. Ist das ein Lernziel?

Lasst uns abhauen in eine Welt, in der Kinder unter sich abmachen können, mit wem sie spielen wollen und mit wem nicht. Und diese Meinung innerhalb Minuten ändern dürfen. Ich bringe euch in einen Garten, der wild ist, verwachsen und verwunschen, nasse Erdlöcher hat, Brennesseln und   Gestrüpp und irgendwo dazwischen kann man Johannnisbeeren pflücken. Die Blicke der Erwachsenen folgen euch nicht, sie bleiben dezent am Rand  und achten eure  Sphäre. Die Erwachsenen haben das Pflaster für alle Fälle in der Tasche. Ist das Didaktik?

Komm her, ich drücke dich. Du bist etwas orientierungslos, weil die Freiheit, die du willst, kriegst du nicht und die Freiheit, die du nicht brauchst, ist zu viel für dich. Ich halte dich und ich freue mich sehr dich zu sehen, du kleiner  Pimpf. Dann wackelst du los und ich bleibe noch eine Weile hinter dir, bis du mich anlächelst und  spielen gehst. Ist das Methodik?

Hört mal zu. Ich baue etwas mit euch. Ich habe große Pläne und will mit euch über den Winter kommen.  Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Ihr könnt mich ermutigen und mir Euren  Glanz in den Augen geben, wenn ich von meinen Plänen erzähle. Wenn ihr euren Eltern davon berichtet, vielleicht helfen sie mir bei UNSEREM Projekt. Ist das Elternarbeit?

Wir wünschen uns einen guten Appetit!  Wehe, ihr esst das ganze Obst auf.   Na also, die Teller sind leer. Auf zu neuen Taten.

Popcorn kann man in einer offenen Pfanne herstellen und durch die ganz Küche knallen lassen. Riesenseifenblasen schickt man im Herbst los, wenn die Wespen weg sind und der Wind alles durcheinander- und hochwirbelt. Die Herstellung von Hefeteig ist eine anstrengende Arbeit für Kinder, die sie sehr lieben. Kinder mögen ganz kleine und ganz große Papierformate. Sie mögen Gedichte. Sie machen gerne Parties - auch beim Mittagessen. Da will man aber Ruhe haben. Also, was tun?  Ist das Praktikantenanleitung?

Was soll ich euch sagen: im Kinderhaus wohnt ein Zwerg. Er kommt nur raus, wenn die Kinder weg sind. Er ist ein Dussel. Er ärgert sich ständig und sucht im Kühlschrank nach den Resten vom Mittagessen. Er schaut sich die Werke der Kinder an, zieht ihre Gummistiefel an und fällt fast die Treppe runter. Er heißt Potze  und er sagt immer: nein, nein, nein. Er  versucht, eine Kastanie zu essen und verschüttet die Farbe vor den Malwänden. Meine Güte. Ist das ein Dussel.

Du Kleiner, komm mal her. Ich sehe,  du weinst. Ich glaube du wolltest heute nicht in den Kindergarten. ………………………….

Und weißt du was, ich hatte auch keine Lust heute. Mein Bett war schön arm und ich war noch müde………………………………….

Wir bleiben einfach hier sitzen und warten was passiert…………………………………………………………………………………………..

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Auf Bewährung

September 23, 2009

Wir Erzieherinnen sind auf Bewährung. Und zwar für immer. Und das kam so:

Früher waren die Kindergärten Stiefkinder der Bildungspolitik. Es gab zwar in manchen Bundesländern, bei den Reformpädagogen und bei aufgeweckten Erzieherinnen schon immer den Anspruch, den Kindern etwas mehr beizubringen als Händewaschen, Basteln und Höflichkeit. Ich selber habe als Kind noch die liebevolle und harte Hand einer Nonne im Dorfkindergarten kennengelernt (Beten, ein Lied singen, eine Geschichte hören und geordnet ab zum Maltisch). Nach dem sogenannten Sputnik -Schock wurden dann auch jede Menge Vorschulmappen bekritzelt und Seite für Seite abgearbeitet und schön gemacht. Aber dann kam die Anschauung, dass man auf gar keinen Fall im Kindergarten schon lesen und rechnen lernen sollte, weil sonst wäre die Schule zu langweilig. Mit den zuständigen Ministern, Fachlehrern und Trägervertretern würde ich gern mal eine Tasse Kaffe trinken, sie dürften noch alle leben und  teilweise noch im Amt sein. Das würde ein gemütlicher Plausch, keine hitzige Bildungsdebatte.

Man kann nicht sagen, dass damals ein echter Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Unter dem Schutz des allgemeinen Desinteresses daran, was da wirklich im Kindergarten passiert, konnten  die Erzieherinnen Spaß haben mit den Kindern oder auch nicht. Sie konnten mit ihnen Theater spielen, Buden bauen, sie zum Lachen bringen oder sie konnten schlechtgelaunt den Tag irgendwie  und phantasielos hinter sich bringen. Ich kannte mal eine Erzieherin, die hat einen Ordner mit Schablonen für jede Jahreszeit Jahr für Jahr durchgebastelt und gemalt. Und im Oktober musste immer der Igel ran.

Das alles war vor dem großen Gericht.

Erzieherinnen, die sich in den Jahren  lange vor PISA auf den Weg gemacht hatten und sich mit der Psychomotorik, dem offenen Kindergarten, mit der Pädagogik der Kinderläden, mit den neueren Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie auseinandergesetzt hatten und an neuen Konzepten strickten, standen plötzlich im grellen Licht der Weh- und Anklage: ganz Deutschland ein Land der Schulversager und im Kindergarten nimmt das Übel (der Versäumnisse) seinen Lauf.

Dramatische Plädoyers von plötzlich auf der Bühne erschienenen  Professoren  verschiedenster Fakultäten und anderen “Bildungsexperten” schockten die Zuhörer: was hat man nicht alles versäumt im Kindergarten! Was gammelt da an Fähigkeiten und Ressourcen vor sich hin! Was für ein Riesenpotential bleibt ungenutzt und kann nie wieder so effektiv  gefördert werden!

Unter der Last dieser Aussagen selbsternannter Kronzeugen war es nur eine Frage von sehr kurzer Zeit, bis die Rettung nahte. Bertelsmann hat nicht nur den Zeugenstand geputzt und sich selbst zum Richter gemacht ( Achtung: Bertelsmann macht eine Studie!! ). Bertelsmann hat auch das Urteil gesprochen, den Angeklagten die neue Welt erklärt, die Moral und die Regeln dazu und sie auf Bewährung laufen lassen mit massiven Auflagen für die weitere Lebensführung.

Die Welt: es gibt nur eine Sache, die zählt: Wettbewerbsfähigkeit.

Die Moral:  ( nur) wer viel leistet, ist gut.

Die Regeln: das gilt für alle, auch für kleine Kinder, immer.

Die Auflagen: die Kinder dieser neuen Welt anzupassen.

Der deprimierte Entlastungszeuge wird aus dem Gerichtssaal geführt: es ist der alte gemütliche Herr Bildung, der immer etwas durcheinander war, nicht  immer greifbar, aber gelassen und klug. Man kann sich nicht mehr auf ihn berufen, es gibt überhaupt keine Berufung mehr. (siehe dazu: Richard Münch: Globale Eliten, lokale Autoritäten, Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co., editon suhrkamp und Konrad  P. Liessmann, Theorie der Unbildung, Paul Zsolnay Verlag).

Das Urteil lautet: ihr genügt nicht. Ihr  habt keine Ziele. Ihr lasst die Kinder im Regen stehen. Ihr habt falsche Ideale. Ihr sollt die Kinder fit machen für die Zukunft! Und was die Zukunft ist, erklären wir Euch. Wir  schicken euch Experten für eure Ziele, den Zweck und die Zukunft.

Damit wird die Rechtschaffenheit ( was für ein tolles Wort!) abgeschafft und durch Effektivität ersetzt.

Erzieherinnen im Kindergarten werden ab sofort ständig an ihre Bewährungsauflagen erinnert. An jedem Elternabend  taucht jetzt die Frage zur Schulvorbereitung auf. Fast alle neuen Eltern  wollen Auskünfte über die Begabungsförderung. In jedem neuen Fachbuch taucht im Titel der Begriff “Bildung” auf. ( Der Begriff “Fürsorge” muss unter Denkmalschutz gestellt werden, damit in zehn Jahren noch jemand weiß, was er bedeutet hat.) Teile der Schulverwaltung  benennen sich um in “Bildungsbüro”. Diverse andere “Bildungsbüros” entstehen wahrscheinlich nicht nur wie  in Paderborn, wo Bertelsmann den Markt der Kindergärten sondiert hat und in den Kindergärten und Verwaltungen unbehelligt  spazieren gegangen ist. Die Zusammenarbeit von Kindergarten und Schule wird  hoch und höher gehängt und soll über Projektförderung des Landes NRW endlich auch räumlich zusammen wachsen. Irgendein Experte beschreibt denÜbergang von Kindergarten zur Schule als hochgradig angstbesetzt ( ernsthaft! ) bei den Kindern und deshalb muss endlich der Kindergarten an die Schule ( nicht umgekehrt!).

Diese “Experten” sind die Bewährungshelfer und Denunzianten zugleich. Sie sorgen dafür, dass das Unbehagen bleibt und immer stärker wird: man kann den alten und neuen Ansprüchen nicht gleichzeitig genügen. Es gibt nur ein Hier und Jetzt. Das heißt, wenn das Wetter schön ist, gehe ich entweder mit dem Bollerwagen auf den Spielplatz oder ich übe die richtige Stifthaltung oder gebe  Yogaunterricht oder praktiziere musikalische Früherziehung. Und die Erzieherinnen werden  in die Pflicht genommen und überwacht: die ” Bildung” muss dokumentiert werden, nicht das Glück der Kinder oder ihre Abenteuer. Es heißt nicht ” Abenteuerbericht” oder “Gummistiefelgeschichten”.

-Die Verführung für einige  Kolleginnen und Leiterinnen liegt darin, dass sie meinen, man könne träge und phantasielose Kolleginnen mit den neuen Verpflichtungen auf Trab bringen. Das Ergebnis ist verheerend: sie haben noch weniger Zeit für die Kinder und noch schlechtere Laune. Die zweite Verlockung für gestandene  und engagierte Kolleginnen liegt darin, sich mit den  neuen “Dienstherren”  und dem neuen “Geist” zu verbünden, um sich selbst endlich aufzuwerten nach langen Jahren vergeblicher Bemühungen um  Anerkennung. Sehr kurz gedacht ist auch der Gedanke, dass es den Kindern egal ist, wer welche Konzepte ausdenkt und welche Vorgaben macht. Das Menschenbild, die Haltung gegenüber den Kindern ist ausschlaggebend  und wie sehr sich dieses Bild geändert hat in den letzten Jahren ist äußerst beunruhigend. Vom liebenswerten Anarchisten  zur kleinen Lernmaschine.

Wenn eine Ideologie zur Anschauung wird ( Menschen folgen einer Ideologie und handeln danach), ist es wahrscheinlich  schwer, die Ideologie als solche  zu entlarven und das Handeln in Frage zu stellen. Es ist aber bestimmt ein guter Weg, das Unbehagen  in dieser Zeit nicht zu ignorieren und als Anlass zu nehmen kritischer und wachsamer  zu sein.

Wenn man auf Bewährung  ist, steht man nicht jeden Tag vor Gericht  und ist vermeintlich fei. Aber bei jeder Polizeistreife duckt man sich unwillkürlich und  fühlt sich unbehaglich. Man könnte sich aber auch einen guten Anwalt, Verbündete und Unbestechliche  suchen und für einen Freispruch kämpfen, oder?

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Im Wald sind keine Räuber

Juni 22, 2009

Im Wald ist neuerdings was los. Ganze Kindergärten tummeln sich. Es gibt solche und solche. Die einen laufen in Zweiergruppen ordentlich und deszinfizieren ihre Hände. Die anderen gehen gar nicht mehr nach Hause, sehen aus wie Erdmännchen und Waldschrate und haben sehr patente Erzieherinnen, die den Bollerwagen ziehen. Richtige Waldkindergärten haben dazu einen Bauwagen oder eine Schutzhütte und scheuen weder Wasser, Zecken, Kälte noch grantige Wanderer.  

Im Wald lernen kleine Jungs  an den Baum zu pinkeln. Diese Fähigkeit, die uns im Rahmen einer sehr weiblich dominiert Frühpädagogik ansonsten als sehr unwichtig oder überflüssig erscheint, ist ein großer Baustein männlicher Indentität. Das weiß ich, weil ich einen Sohn habe. Das ist nicht wissenschaftlich, stimmt aber.

Aber: Wissenschaft war auch im Wald und hat herausgefunden, dass Waldkinder sich besser konzentrieren können. Die Kinder lernen außerdem eine Menge Fertigkeiten und erlangen Kenntnisse. Das ist etwas anderes als Wissensvermittlung. Die sogenannte Wissensgesellschaft darf am Waldrand stehen bleiben. ( Buchtip: “Theorie der Unbildung” von Konrad Paul Liessmann)

Kinder lernen durch Erfahrung, Abenteuer, Tun, Herausforderungen und Anstrengung. Davon ist in unseren Kindergärten nicht so viel angekommen oder verloren gegangen oder nie da gewesen. Außerdem müssen Konsequenzen für das kindliche Tun  ständig erfunden werden, damit Kinder Ordnung in der Welt  und Grenzen lernen. Im Wald gibt es viele Grenzen und logische Konsequenzen, einfach so.

Wer zu schnell den Abhang runterdüst, fällt auf die Nase. Wer  viele Äste sammelt, muss sie auch schleppen. Wer unvorsichtig ist, dem fällt das Frühstücksbrot in den Dreck. Und wer einen guten Kumpel hat, der kriegt die Hälfte seines Brotes ab. Große Buden kann man nur bauen, wenn man kooperiert. Und wer weit läuft, muss auch den langen Rückweg schaffen. Wer immer als Erster auf dem Berg ist, muss - langweilig- auf die anderen warten. Wer Löcher in den Gummistiefeln hat, kriegt nasse Füße. Tümpelwasser stinkt und beim Erdbeerklauen darf man sich nicht erwischen lassen. Finger und Zehen  können so kalt werden, dass man sie nicht mehr spürt. Danach beim Aufwärmen umso mehr. Beim Lagerfeuer dampfen die Socken. Feuchte Äste sind glitschig. Bärlauch kann man weit riechen. Feuersalamander sieht man selten und nur bei Regenwetter. Wenn man den Bach staut, läuft das Wasser in die Gummistiefel. Schnecken sind irgendwie witzig.

Das fassen Sie erst mal zusammen in erstaunliche Texte über physikalisches und prenumerisches, neurobiologisches, therapeutisches Lernen mit groben und feinen Zielen, mit didaktischen Verbrämungen, Motivationsphasen, Dignostikinstrumenten und individuellen Förderplänen.. Oder lassen Sie’ s einfach sein und lassen die Kinder einfach mal in den Tümpel fallen  oder  bauen ein großes Lagerfeuer.

Um das alles nämlich  in ein Curriculum zu pressen, brauchen wir einen hohen Druck. Einen mordsmäßigen Druck, der von der ursprünglichen Vielfalt, Kraft und Lebendigkeit kindlichen Lernens nicht mehr viel übrig lässt. Den Druck der bornierten, ahnungslosen und gekauften Bildungsexperten und Entscheidungsträger.

Wie schön, dass die Waldkindergärten davon anscheinend gänzlich unberührt bleiben. Die oben erwähnten  sehr patenten Erzieherinnen, Typ Gummistiefel und Treckingjacke, erweitern ihr Angebot bundesweit und Kommunen tun gut daran, diese Wilden gewähren zu lassen.

Waldkindergärten sind eine Bastion gegen den Wahnsinn einer falsch verstandenen Förderung und Bildung von Kindern, die zur Zeit überlaut und übermächtig propagiert wird. Sie verkörpern eine andere Haltung gegenüber Kindern. Indem sie Kinder Kinder sein lassen und ihnen ein eigenes Tempo, Freiraum, unendlich viel Möglichkeiten sich zu bewegen, zu entdecken und Wahrnehmung zu schärfen einräumen. Das Schönste ist eigentlich, dass Erwachsene dabei als schützende, erfahrene und starke  Menschen erfahren werden können. Das ist sogar den Vätern heute nicht mehr gegönnt. Es ist aber genau das, was Kindern ermöglicht, Erwachsenen  zu folgen. Im Gegenzug können Kinder ihren Impulsen nachgehen, ihre eigenen Initiativen daraus entwickeln. Das hat heilsame Effekte: längst nachgewiesen über die Psychomotorik. Ergotherapie macht auch oft  nichts anderes, als Waldbedingungen zu simulieren. 

Wenn es den Wald  für Kinder nicht geben würde, man müsste ihn erfinden. Zumindest könnten die großen Gärten der Kindergärten auch in Wald verwandelt werden, aber das ist wieder eine anderes Thema.

Gott und Pan (mit der Flöte) sei Dank -finden also sehr  patente Erzieherinnen öfter Naturschützer, Förster, Waldbesitzer, Stiftungen und natürlich Eltern, die sie mögen und dann haben die Kinder gute Karten. Sie können dann die Kinder verstecken vor profitorientierten Bildungskonzernen, renomiersüchtigen Kommunalpolitkern und vor Schulministerinnen, die auch schon nach den Kleinen greifen.

Pan ist mir sehr sympathisch. Er ist wild und ungestüm, auch furchteinflößend und  eine alte Feiernase: der Gott des Waldes und der Natur. Mittags will er unbedingt seine  Ruhe haben, sonst wird er richtig wild. 

Ich wünsche allen Erzieherinnen in Treckingjacken, ihm zu begegnen und sich beeindrucken zu lassen. Es würde sie beflügeln, sie immer weiter ermutigen und stärken. Sie arbeiten in Reservaten, aber die sind groß und für Kinder unfassbar groß. Vielleicht ist das bald der einzige Ort, indem die Kinder  in ihrer Kultur leben  und aufwachsen können. 

(Noch eine Buchtip. “Jungs im Abseits” von Dr. Leonard Sax ) Streifen sie sich die kleinen Äste aus dem Haar, klauben sie die letzte Zecke aus der Halsfalte, ziehen sie ihre klobigen Waldschuhe aus und lesen Sie. Da finden sie  einige tolle Argumente  für kleine Jungs auf hohen Bäumen!

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Hochbegabt, ein Schützenfest

Juni 15, 2009

Und wieder hat es einen getroffen: gemerkt, erkannt, getestet, bewiesen. Gut gezielt ist schnell getroffen.In letzter Zeit wird immer besser gezielt und immer häufiger werden Kinder erkannt, die über eine große Begabung verfügen in dem einen oder anderen oder  mehreren Bereichen. Einige Eltern zielen immer wieder und treffen nicht,  suchen aber  ständig neue Gehilfen oder Instrumente. Aber eine Verhaltensauffälligkeit macht noch keine Hochbegabung. Ist aber ein anderes Thema.

Das Kind ist also getroffen. Die Aussage “hochbegabt”  erklärt plötzlich so Manches im Verhalten, in der Entwicklung des Kindes  und in der familären Geschichte. Aber die Summe der Erkenntnisse deckt selten  die  Summe der Fragen, die plötzlich aufgeworfen werden. Unterm Strich erklärt sich nach dem Schuss ins Schwarze dann nämlich gar nichts mehr und die Bilanz ist oft eher negativ, weil die Fragen und Unsicherheiten überwiegen. Der Vogel ist nicht abgeschossen. Ein Gespenst entsteht und manch einer wünscht sich, er hätte sein Kind nie testen lassen.

Und einen Grund zu feiern gibt es auch nicht. Obwohl die Vorurteile gegenüber hochbegabten Kindern in den letzten Jahren eher abgenommen haben und auch Schulbehörden  zumindest versuchen etwas zu tun, ist es vielen Eltern recht mulmig zu Mute. Sie sind oft ambivalent  in ihrer Haltung den Kindern gegenüber. Auf der einen Seite wünschen sie sich sehr  erfolgreiche und kluge Kinder, wollen aber keine Angeber sein. Auf der anderen Seite wissen sie zu viel über die Hindernisse  im sozialen Leben und in der Schule, ducken sich und wünschen sich gleichzeitig mehr öffentliche Diskussion über die Thematik  und Problematik der Begabungsförderung. Ambivalenter geht es nicht: “Ich weiß, dass ich ein hochbegabtes Kind habe. Aber ich bin selber Lehrerin und das will ich meinem Kind ersparen. Deshalb ist es nicht hochbegabt.”    Oder ist das schon schizophren?

Dieser Schuss ist immer ein Schuss ins Herz. Ich kenne keine betroffenen Eltern, die damit  gelassen, abwartend und nur wenig berührt  umgehen. Nicht selten kommen auch noch große Unsicherheiten persönlicher Natur dazu. Denn von wem hat der  Kleine das denn? 

Nebenbei stürzt sich nicht nur die Wissenschaft auf diese Kinder, sondern auch Menschen mit anderen Interessen. In einer Dokumentation einer Fachtagung (durchgeführt von einer einer Stiftung, großer Autokonzern) fand ich die unwidersprochene  Aussage, dass die Anwesenheit weniger begabter Kinder  ein Entwicklungsrisiko für hochbegabte Kinder darstellt. Igitt.  Es wird wieder hohl geredet über Humankapital, Elite bilden, Wettbewerbsvorteile  etc. An einer deutschen  Hochschule soll Hochbegabten die Studiengebühren erlassen werden. Ungeachtet ihrer Leistungen, ihres Engagements?

Schon im Kindergarten ist der Ansatz dazu, alles falsch zu machen.

Wir unterscheiden zwischen drei Typen von Eltern und Kindern in dieser Geschichte. Es gibt Eltern, die (s. o.) haben aufgeweckte Kinder und viele Erziehungsprobleme und damit Verhaltensauffälligkeiten. Beim besten Willen ist da keine Hochbegabung zu finden. Es gibt Eltern, die haben Erziehungsprobleme und ein hochbegabtes Kind.  Da gibt es auch viele Verhaltensauffälligkeiten. Und es gibt Eltern, die haben kaum Erziehungsprobleme ( keine gibt’s nicht) und ein hochbegabtes Kind. Da gibt einige Merkwürdigkeiten im Verhalten, hin und wieder erzieherische Probleme ( wo nicht?) aber keine Verhaltensauffälligkeiten. Eltern der zweiten Kategorie sind besonders schlimm dran und die Kinder sehr unglücklich, sind aber selten. 

Es ist offensichtlich ein langer Weg der Erkenntnis, dass dann im Kindergarten hochbegabte Kinder erkannt werden und dann noch die richtigen pädagogischen Konsequenzen daraus gezogen werden. Die wären nämlich: einen Kindergarten so gestalten, dass er allen Kindern Sicherheit durch Routine UND jeden Tag ein Abenteuer bietet. Herausforderungen für Kinder zu schaffen, ist auch eine Herausforderung für Erzieherinnen. Aber wenn sie einfach davon ausgehen würden, dass in jedem Kindergarten sehr begabte Kinder sind, dann sparen sie eine Menge Zeit und Energie (die sie gern verplempern für Testen und Diagnostizieren). Diese Zeit und Energie haben sie dann für Abenteuer in jeder Disziplin. Es macht nämlich keinen Sinn, schon wieder einen Förderplan, eine zu förderdernde Kleingruppe und ein Spezialprogramm für spezielle Kinder zu liefern - egal ob die Kinder nach Defiziten oder nach Stärken getestet und aussortiert werden. Sollte dann noch Energie übrig belieben, wäre es schön, wenn mehr Erzieherinnen ( wie aktuell beim Streik ) sich einsetzen für bessere Arbeitsbedingungen, weil Abenteuer sind schlecht zu organisieren bei zwei Erzieherinnen für zwanzig Kinder und 45 Stunden Betreuungszeit. Übrigens: die lerneffektivste ( weil spannendste) Gruppenform ist in NRW just abgeschafft worden: die große altersgemischte Gruppe mit Kindern von 3 bis 14 Jahre. Da war jeden Tag ein Abenteuer. Sowieso.

Das gleiche gilt für die Schulen. Wenn ein Lehrer sagt, hochbegabte Kinder wären so schwierig (was im übrigen ein böses Vorurteil ist), er käme mit denen nicht zurecht, dann hat er  gesagt: er kommt mit Kindern nicht zurecht. Denn - Donnerwetter, wer hätte das gedacht -  hochbegabte Kinder sind KINDER. Und ALLE Kinder in einer Schule haben ein Recht darauf anständig behandelt zu werden, vernünftig unterrichtet und ihren Begabungen entsprechend gefördert zu werden. Da liegen die Abenteuer etwas anders, aber sie sind möglich. Und an diesen Abenteuern darf sich gern auch die Politik beteiligen, indem sie Schule wie Kindergarten ausreichend Mittel, Personal und  Fortbildung zur Verfügung stellt. Das soll ja möglich sein in anderen Ländern (jawoll, schon wieder im hohen Norden), wo es das Wort Hochbegabtenförderung angeblich  nicht gibt, weil dort alle Kinder zu ihrem Recht kommen. Sowieso.

Förderung von Begabungen muss Breitensport sein, sonst geht der Schuss nach hinten los. Bertelsmann hat das zwar auf die Fahne geschrieben, propagiert aber die selbständige  Schule, die Schule betriebswirtschaftlichen Zwängen, Methoden und Mechanismen  unterwirft, anstatt sie davon zu befreien. Aber Bertelsmann ist ja immer da, wo es hilflose Bürokraten gibt, formuliert  denen das Problem auf Bertelsmannart und  wums, hat gleich eine Lösung dazu, die leider immer irgendwie langfristig nur Bertelsmann nützt. Wenn man Unternehmensberater dazu holt, die einem Kindergarten-und Schulgesetze schaffen, dann  muss man sich nicht wundern, wenn dabei ein Schrotthandel  oder eine Müllsortierungsanlage hinten raus kommt. 

 Stattdessen wäre es die vornehmste Aufgabe eines Schuldirektors, sich persönlich um das Fortkommen seiner  Schule, Lehrer, Schüler und die Zusammenarbeit mit den Eltern zu kümmern… Und Lehrer müssten viel besser ausgebildet, vorbereitet, ausgestattet  und unterstützt werden…

Anmerkung: das Geschwätz von Eliteförderung ist schon lange entlarvt als ein System  der drei A:  Adel, Alimente, Anruf genügt. Für Blitzmerker: Papa hat entweder entsprechende Vorfahren, Geld oder  Macht oder Beides, dann klappt es auch mit der Karriere. ( Soziologie ist besser als Philosophie! )

Was hindert uns also daran, immer und immer wieder gute und beste Bildung für alle unsere Kinder zu fordern und das nötige Geld. Wieso ist unser System so schlecht, dass immer wieder Kinder durchfallen und nicht zu ihrem  (Menschen-) Recht kommen. Und da ist es wirklich schnuppe, ob es ein sehr begabtes Kind ist oder ein Kind, das gut  aber langsam lernt oder ein Kind, das eine LRS hat oder ein blindes Kind. Durchgefallen ist durchgefallen.

Sind Sie Pädagoge, machen sie mal eine Umfrage: welches Kind in ihrer Gruppe (Klasse) ist normal? Unter “normal” verstehen wir, dass es normal begabt, normal schnell, normal ruhig, normal vital, normal ohne familiäre Sorgen, normal gesund und normal entwickelt  ist.  Wir haben uns diese Frage schon sehr oft gestellt und kommen immer zu diesem Ergebnis: pro Gruppe ( 20 Kinder) ist es ein Kind. Das heißt : “normal” gibt es nicht. Anders sein ist normal. Und warum orientieren sich dann alle  Eltern, Pädagogen und Bildungspolitiker an einer Normalität, die nicht existiert ?  Wieso können Kinder nicht Klassen überspringen oder Fachunterricht in höheren Klassen haben, wenn sie längst soweit sind. Was soll unser Julius in der ersten Klasse tun, wenn er doch schon Zeitung lesen kann?  Warum wird Unterricht nicht verändert, wenn Kinder sich zu Tode langweilen? Warum gibt es einen verpflichtenden Stuhlkreis in fast jedem Kindergarten, der  mit unendlich vielen Wiederholungen jeden Tag das Murmeltier grüßt ? 

Wenn Sie noch viel schöne Feste mit ihrem Kind feiern wollen, dann  sollten sie das ein oder andere Schützenfest  vielleicht weglassen. Schließen sie sich lieber einer Partei an, die Breitensport propagiert, werden sie selber Bürgermeister, Landtagsabgeordneter oder Bildungsminister und halten sie sich fern von Empfängen gemeinnütziger  Stiftungen, die eigentlich keine sind. Und wenn ihr Kind nach der Schule glücklicher Zimmermann, Eventmanagerin, Berufschullehrer oder  Wissenschaftlerin geworden ist, machen sie eine Flasche Schampus auf  und ruhen sie sich eine halbe Stunde aus. Dann machen Sie weiter. Weil sie nämlich Enkelkinder kriegen. Und die sind auch nicht normal….

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Ruhe jetzt

Juni 8, 2009

Erzieherinnen können ein Lied davon singen. Und man kann es nicht mehr hören. Wann immer ein  gesellschaftliches Problem akut ist, gibt es Post für den Kindergarten. Angefangen hat es mit der Umwelterziehung. Dann gab es noch Anti-Gewalt-Kampagnen, Adipositasvorbeugung, Zahngesundheit, Aktion “Saubere Stadt”, Anti- Raucher ….. Bei der Aktion “Saubere Stadt” wurden wir vom zuständigen Amt für Abfallentsorgeung angeschrieben. Die Idee war, dass die Kinder die Hundehalter ansprechen sollen, wenn diese die Haufen ihrer Hunde nicht aufsammeln. DAS war ernst gemeint und unsere Fassungslosigkeit darüber stieß auf allgemeine Ratlosigkeit.

Alle Aktionen funktionieren nach diesem Prinzip: laßt die Kinder die Verantwortung übernehmen für das, was die Erwachsene nicht geregelt kriegen. Die Aktion Zahngesundheit nervt richtig, weil sie permanent am Start ist. Die Kinder sollen sich im Kindergarten die Zähne putzen, weil sie es zu Hause nicht tun. Es ist noch blöder. Die Kinder können bis zum 8. Lebensjahr die Zähne nicht selbst reinigen. Das ist motorisch zu schwierig. Also müssen die Erwachsenen den Kindern zumindest am Abend die Zähne gründlich reinigen.Im Kindergarten wird den Kindern  Angst gemacht mit Karius und Baktus, damit die Kinder am Abend von  den Eltern verlangen, dass Ihnen richtig die Zähne geputzt werden. Und mit  der niedlichen Zahnputzfee und Bärchen und Geschichten auf Hochglanzpapier wird den Erzieherinnen sogenanntes didaktisches Material an die Hand gegeben. Viele Eltern putzen abends aber nicht, weil sie meinen, dass die Kinder im Kindergarten schon richtig geputzt haben. Glauben die Initiatoren wirklich, dass eine Erzieherin zwanzig Kindern die Zähne putzt? Glauben die wirklich, dass über das reine Gewöhnen an einen Kontakt mit der Zahnbürste nach dem Essen irgendetwas passiert? Gauben sie auch noch, dass zwei- bis fünfjährige Kinder in der Lage sind, die Verantwortug für ihre Körperhygiene zu übernehmen? Okay, dann können die Kinder auch morgens selbst ein gesundes Brot schmieren, einwickeln und für den Kindergarten einpacken.

Sehr interessant sind auch die Zahnarzthelferinnen, die originellerweise mit dem Tablett voll Apfelstückchen, Schokolade, Quark, Lutschern etc. an der Tür stehen und Eltern und Kinder fragen, was nun gesund oder ungesund für die Zähne ist. Entschuldigung, ich könnte diese schwierige Frage sofort beantworten, würde mir die Schokolade nehmen und die Arzthelferin wegschicken. So lernen Kinder nicht.

Und unsere Bundesregierug kann sich bis heute nicht dazu durchringen, Lebensmittelherstellern die Volldeklarierung und Klassifizierung aller Zusatzstoffe im Essen aufzuzwingen. Zitronensäure z.B. ist eine absolutes Gift für die Zähne und zerstört sie von innen. Die Hersteller von Lebensmitteln  haben eine freiwillige Begrenzung der Menge dieses Kloreinigers als einzige Regel und wie wir wissen, funktioniert so etwas nie.

Der neueste Renner ist die Aktion des Ministeriums für Umwelt, Reaktorsicherheit usw. Wir sollen jetzt den Kindern den Klimaschutz nahe bringen, weil die Kleinsten schon mithelfen sollen, zu retten und zu verantworten, was auf höchster politischer Ebene versaubeutelt wurde und wird. Wie immer gibt es auch bei dieser Aktion ein Poster für den Gruppenraum. Würden wir alle aufhängen, die wir ungefragt bekommen, gäbe es kein Tageslicht mehr im Gruppenraum. Wie immer gibt es eine Ralley, wie immer gibt es ein Gewinnspiel. Wie immer gibt es was zum Ausmalen. Wie immer ist die ganze Aktion dämlich und rausgeschmissenes Geld.

Kinder lernen anders.

Erzieherinnen haben einen völlig anderen Auftrag.

Und Eltern und Erzieherinnen sollten sich endlich wehren gegen diesen Quatsch. Wie man hört führt  LIDL jetzt an örtlichen Grundschulen eine Ernährungskampagne durch. Fehlt nur noch die Bertelsmannstiftung mit dem Projekt: RTL macht schlau.

Viele Kolleginnen sagen an dieser Stelle:” Meine Güte, ist doch nicht schlimm. Irgend etwas Gutes wird schon hängen bleiben.”

Dann sollte man dafür sorgen, dass auch richtig was hängen bleibt.

Kinder, kommt mal alle her. Ich hab hier was für Euch. Das ist ein Heft von einem Ministerium. Das sind unsere Chefs. Ihr wisst schon: die bestimmen über uns. Und unser oberster Chef ist die Frau Merkel. Die hat gesagt, dass ab jetzt alle Menschen auf das Wetter aufpassen müssen. Sonst ertrinken wir bald alle oder wir verbrennen in der Sonne oder wir müssen verhungern, weil das Wetter auf der Welt ganz krank ist. Oh. Und es gibt doch keine Krankenhaus für das Wetter oder? Und in Afrika, da ist es schon ganz schlimm. Da sterben Kinder, echt. Nein, in Amerika nicht und in Deutschland nicht. Weil unsere Chefs sind ganz schlau. Die haben das so gemacht, dass das schlimme Wetter nur für andere Menschen ganz schlimm ist, nicht für uns. Und woher das kommt?  Tja, weil dein Papa mit dem Auto zur Arbeit fährt und deine Mama immer  das Licht für dich brennen lässt in der Nacht. Und weil deine Oma immer die Heizung voll aufdreht. Ja, genau. Ihr geht jetzt nach Hause und sagt Euren Eltern, dass sie Energiesparlampen kaufen sollen. ENERGIESPARLAMPEN. Wer kann das Wort behalten? Fein, Amelie!  Jonas  hör auf mit dem Gehampel. Wenn du nicht zu hörst, brauchst du dich nicht wundern, wenn in Deutschland auch mal ein ganz schlimmes Wetter kommt. Ein Gewitter  zum Beispiel. Dann fliegt bei Euch das ganze Dach weg…

Ich bin sicher, der nächste Elternabend wird bewegt, gut besucht und bringt engagierte Diskussionen. Viel Spass!

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Erster!

Mai 28, 2009

Sehr beliebt ist in den letzten Jahren das Ausloben von Preisen für Kindergärten geworden. Da gibt es Sängerpreise, Hersteller -von- Kleber-Preise, den Preis eines Brotfabrikanten, Bertelsmann an vorderster Front mit verschiedenen Preisen, Preise für das Zulassen von Bewegung der Kinder und “Germanys next top Tagesmutter” kommt bestimmt auch bald. Pikanterweise ging einer der höchstdotierten Preise ( Großbäckerei!) an eine Einrichtung, die sich kurze Zeit später vor Gericht und vor den Behörden verantworten mussten, weil sie rechtswidrige Knebelverträge mit Eltern abgeschlossen hatten (- darin Eltern verboten wurde, Kinder in die KITA zu bringen, wenn die Eltern krankgeschrieben waren oder frei hatten). Ein einzigartiger Vorgang.

Man kommt an solche Preise, indem man lügt. Man beantwortet 20 Seiten Fragebogen.  Darin sind wirklich interessante Fragen, die viel Aufschluss geben über das geistige Niveau, die exorbitante Sachkenntnis und die politische Ausrichtung der Initiatoren. Noch immer wird z.B. über Mädchenförderung abgefragt, wo doch jede Erzieherin weiß, dass es die Jungen sind, die immer Probleme haben und machen.

Andere Frage: Wie beurteilen Sie den Einsatz von Humor in der Kleinkindpädagogik? Wie oft setzen Sie Humor ein? Bitte ankreuzen: einmal täglich, zweimal täglich, öfter, weiß nicht.

Gegenfrage -ist auf den 20 Seiten Fragebogen leider nicht zugelassen: Wie bescheuert kann man sein, solche Fragen zu stellen?   

Ein entscheidenes Kriterium scheint auch die Länge der Öffnungszeiten zu sein. Sie gewinnen jeden Preis, wenn Sie angeben, dass Sie acht Tage in der Woche täglich 30 Stunden geöffnet haben- auch ohne Personal. Sie könne aber auch Preise gewinnen, indem Sie so tun, als hätten Sie die größten Selbstverständlichkeiten der Welt ( nämlich Kindern viel Bewegung zu verschaffen oder vernünftiges Mittagessen zu geben)  erfunden! Dann heißen Sie auf Messingschildern und in Broschüren “Bewegungskindergarten” oder ” Gesundheitskindergarten”. Ich habe schon einmal überlegt, ob wir uns nicht Musikkindergarten ( wir können Gitarre spielen und haben einen CD Player ) oder  Schönheitskindergarten ( wir gehen regelmäßig zum Friseur) oder Sprechkindergarten ( wir sprechen mit den Kindern) nennen sollen. Versuchen sollte  man auch mal Sicherheitskindergarten ( alle haben einen Erste-Hilfe- Kurs gemacht) oder einen Malkindergarten ( ja, wir haben einen Maltisch und 10 verschiedene Farben).  Furore machen Sie allerdings mit Bildungskindergarten, Forscherkindergarten  oder Kindergartenakademie.

Sollte ich jetzt besser die letzten drei Begriffe schützen lassen? Die gewerblichen Anbieter von Kindergarten sitzen in den Startlöchern und wollen ganze Kindergartenketten aufbauen und die Bertelsmänner sind dabei. Ich wette jetzt und hier um eine selbstgebastelte Ente, dass solche und ähnliche  Namen auftauchen werden, dass selbstgestrickte Zertifikate und Qualitätsnachweise benutzt werden, dass es mindestens einen Professor oder sogenannten Kindergartenexperten gibt, der das Ganze super findet ( Fthenakis? Tietze? Textor? Krenz?) und dass die Erzieherinnen die noch schlechter  bezahlten und schnell austauschbaren Erfüllungsgehilfen - auch schon gern in Leiharbeit- sein werden. Der Tisch ist gedeckt, Dienstleistungsfirmen brauchen sich nur noch ein Lätzchen umzubinden und  können ordentlich zulangen. In den Schüsseln liegt eine Menge öffentliches Geld.

Die Politik wird sie wahrscheinlich nicht mehr behelligen. Nachdem man allen Akteuren und Entscheidern erfolgreich eingeredet hat, dass die meisten Kindergarten nicht genug bieten, kann man das Ganze genauso gut abgeben und dem freien Markt überlassen.Weil Konkurrenz  das Geschäft belebt, weil “objektive” Kriterien Qualität sichern und weil Eltern dann endlich für ihr Geld nur noch gute Leistung bekommen. So wie bei der Bahn, bei der Post, den Energiekonzernen, den ersten Verwaltungen  oder bei den selbständigen Schulen. Da sind ja auch alle zufrieden.

Aber zurück zu unseren Preisverleihungen.

Es gibt nur eine Erklärung dafür, warum Kindergartenleute diesen Wettbewerb mitmachen, den Zertifizierungen, Preisen und Auszeichnungen hinterher rennen. Weil es wohl die einzige Möglichkeit ist, etwas Anerkennung zu bekommen in einem Beruf, der nicht nur sehr Kräfte zehrend ist, sondern ein chronisch schlechtes Ansehen hat und immer schlechter  bezahlt wird. Es ist trickreich, mit Medaillen zu wedeln UND mit kleinen  Zuwendungen für die Einrichtung. Das klingt dann irgendwie selbstlos, wenn man gewonnen hat. In diese Falle zu tappen ist zutiefst menschlich und unprofessionell zugleich. Es ist ein erster großer Schritt  in die  Willfährigkeit. Und was die anrichten kann, haben uns andere Berufsgruppen schon vorgemacht - früher und heute.

Die Ersten werden die Letzten sein. Sie sorgen dafür, dass am Ende  alle Verlierer sind.

Es gibt eigentlich nur einziges wirklich wichtiges Kriterium für eine gute  Kindereinrichtung: die Kinder sind sauer, wenn sie nicht hingehen dürfen und die Erzieherinnen lachen oft und laut.

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Christel von der Post

Mai 6, 2009

Als die Post ihre  wichtigste Dienstleistungen loswerden wollte ohne Kunden zu verlieren, hat sie einfach die Postfilialen dicht gemacht und den Lebensmittelläden im Dorf untergeschoben. Für einen Lohn, der diesen Namen nicht verdient, und Verträgen, die eigentlich sittenwidrig sind,  erledigen jetzt die Tante-Emma-Läden, Bäckereien und kleine Fachgeschäfte das Postgeschäft mit. Diese Strolche von der Post haben etwas geschafft, was andere  Strolche  ermutigt hat, dasselbe zu versuchen. Und es hat geklappt.

Viele originäre Aufgaben der Kinder-und Jugendhlife, der Integrationspolitik und der Sozialarbeit sind einfach den Kindergartenleiterinnen aufs Auge gedrückt worden und die machen jetzt die Christel von der Post ( = Leiterin eines Familienzentrums). Zumwinkel von der Post hat sich dafür einen Dauerurlaub am Gardasee im Schloss erlaubt und ich finde einen Kurzurlaub am Steinhuder Meer  haben sich auch Minister Laschet und unser derzeitiger Ministerpräsident Herr Rüttgers verdient für dieses Meisterstück.

Man nennt es die vielleicht dümmste Karriere der Welt, wenn eine Kita-Leiterin zur Leiterin eines Familienzentrum aufgestiegen ist. Denn es bedeutet: viel mehr Arbeit und zusätzliche Aufgaben, die nichts mit ihrem Leitungsprofil zu tun haben und dafür keinen Pfennig mehr Geld. Die großen Träger haben sich darum gerissen, ihre Einrichtungen als FZ zu etablieren und ein spezielles ( gewerbliches) Institut hat die feine Auswahl getroffen. (Wenn sie arbeitslos sind, werden sie  Mitarbeiter an Instituten, die nichts anderes tun als genormte Vorgaben in allen Einrichtungen Deutschlands als Qualitätsprüfungen, Zertifizierungen, Beratungen und Auswertungen zu verkaufen.) Niemand kann ihnen in einem solchen Institut die Frage beantworten, woran man inhaltlich genau eine Einrichtung unterscheiden kann von einer anderen hinsichtlich der Auswahl zum FZ. Da geht es um Punkte, Gewichtungen und Rechnungen, ohne dass jemals jemand von denen vor Ort auch nur einen Kindergarten gesehen hat. Schöne neue Welt.

Stellen wir uns mal vor, Ministerin Sommer hätte auch mit ans Steinhuder Meer gewollt und vorgeschlagen,  dass die Schulen doch diese Arbeiten übernehmen sollten.  Kurse und Beratungen  organisieren für erziehungsschwache Eltern, nicht deutschsprachige Eltern, falsch ernährte Eltern, rauchende Eltern, verschuldete Eltern, an Yoga interessierte Eltern, Wickelkurse und …..Natürlich soll auch nicht nur die Koordination der einzelnen Anbieter und Referenten durch den Schulleiter erfolgen, sondern auch die Akquise für die Kurse. Einfach mal  Eltern  ansprechen beim Elternsprechtag oder in der Pause.

Sagen wir mal so: Frau Sommer hätte wohl eine  gute Schwimmweste gebraucht für das Steinhuder Meer, sonst hätten die Lehrerfunktionäre sie wohl ertränkt.

Wenn man durch die Hölle reitet, sollte man nicht stehen bleiben. Mit dieser Devise arbeiten sich die Kollegen in den FZ gerade rund, denn zusätzlich zum neuen Status ihrer Einrichtung hat man ihnen ja noch mit dem KIBIZ Personal gekürzt. Ihre massive Kritik verhallt und noch keiner hatte den Mut, sein “Zertifikat” zurückzugeben. Mit klammheimlicher Freude stelle ich fest, dass viele der Angebote in den Kindergärten von Eltern überhaupt nicht genutzt werden, dass aber immer fleissig gestrickt wird an neuen Angeboten, damit man am Ende des Jahres bei der Bilanz durchgeht.

Tip an die Eltern, die ich jetzt verwirrt habe: je mehr teure Schilder an der Haustür eines Kindergartens hängen, desto weniger kümmert man sich in der Regel um die Kinder. Es ist alles eine Frage der Zeit. Eine Leiterin, die FZ betreibt, sitzt oft in ihrem viel zu kleinen Büro, das sie mit fremden Akteuren auch noch teilen muss  und sehr selten  mit ihren Kolleginnen oder gar mit Kindern an einem Tisch.

Sollten Sie jedoch bei einem spontanen Besuch in einem Kindergarten eine Leiterin finden, die zusammen mit Kolleginnen UND Kindern an einem Tisch sitzt und alle lachen über eine paar gute Geschichten, dann bleiben sie noch eine Weilchen. Vielleicht ist das der Ort, wo Milch und Honig fließt.

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